Geschichte

Ab November 1945 hat das Schweizer Rote Kreuz und der schweizerische Pfadfinderbund an die 30.000 österreichische Kinder im Alter zwischen 5 und 12 Jahren zu dreimonatigen Aufenthalten bei Schweizer Familien und in Erholungslager eingeladen. In der weiteren Folge haben auch andere Länder Erholungsaufenthalte angeboten.Die wirtschaftliche Lage unmittelbar nach Kriegsende war in Österreich fatal. Um zu verstehen, warum die Kinder in den Nachkriegsjahren zur Erholung in andere Länder verschickt wurden ist es wichtig, die Hintergründe verständlich zu machen.

 

da es aus heutiger Sicht unverständlich ist, dass Kinder, noch dazu vielleicht sogar sterbenskranke Kinder, in fremde Hände gegeben werden. Das Erfordernis dieser Transporte, das für viele Kinder in der damaligen Zeit mangels Nahrung und medizinischer Versorgung die einzige lebensrettende Maßnahme war, versuchen wir in einer kurzen Darstellung nachstehend aufzuzeigen.

Die wirtschaftliche Lage unmittelbar nach Kriegsende war in Österreich fatal. Die gesamte Nahrungsmittelversorgung ist zusammengebrochen, die gesamte Infrastruktur und viele der im Krieg neu errichteten Anlagen waren zerstört. Durch die zerstörte Infrastruktur war Wien von seinem Hinterland abgeschnitten, da die Donaubrücken und die Bahnlinien zerstört waren.

Mit den wenigen zur Verfügung stehenden Mitteln an Devisen wurde versucht, den Aufbau der Verstaatlichten Industrie voranzutreiben, indem man diese mit Rohstoffen und Betriebsmittel versorgte. Die Verstaatlichte Industrie übernahm in der Folge die Funktion eines Motors für den Wiederaufbau der österreichischen Wirtschaft. Durch den Marshall-Plan flossen Österreich beträchtliche Investitionsmittel zu, die vor allem dem öffentlichen Sektor zugute kamen. Mit Hilfe der Marshall-Plan-Gelder gelang es vor allem, die Investitionstätigkeit zu stimulieren. Die Ankurbelung der Wirtschaft stand gegenüber dem privaten Konsum im Vordergrund. Die Unentgeltlichkeit der ausländischen Nahrungsmittelsendungen hat es ermöglicht, erhebliche Teile der heimischen Industrieproduktion, die ansonst um jeden Preis gegen Nahrungsmittel an das Ausland hätten verkauft werden müssen, im Inland zu investieren und damit die Grundlage einer leistungs- und lebensfähigen österreichischen Wirtschaft zu schaffen. Es war nicht beabsichtigt, dauernd fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen, sondern es wurde getrachtet, sich möglichst bald wieder aus eigenen Kräften zu erhalten.

Ab September 1945 übernahmen die 4 Besatzungsmächte in den von ihnen besetzten Gebieten die Versorgung. Da den Besatzungsmächten nicht die gleichen Waren zur Verfügung standen und große organisatorische Schwierigkeiten zu überwinden waren, entstand eine qualitative und quantitative Ungleichheit in der Versorgung der verschiedenen Zonen. Im Jahr 1946 verschlechterte sich die Versorgungslage, da die verschiedenen Besatzungsmächte ihren Lieferzusagen nicht nachkommen konnten und die durch den Krieg zerstörte Infrastruktur erst wieder aufgebaut werden musste. Die inländischen Ernten waren gering, da Devisen für die Beschaffung von Saatgut und Düngemitteln fehlten. So war Österreich in großem Stil auf Auslandshilfe angewiesen, die zu einem Großteil von der UNRRA erbracht wurde, jedoch auch die Schwedenhilfe und Schweizerhilfe waren wichtig für die Versorgung Bedürftiger, insbesondere der Kinder. Die Mittel dafür wurden von jenen Ländern aufgebracht, die Mitglied der UNRRA waren. Aus heutiger Sicht ist erstaunlich, dass dabei auch Länder waren, die heute zu den ärmsten der Welt zählen, wie z. B. Haiti, Honduras, Kolumbien, Ukraine, Äthiopien, u.a.

Von den staatlichen Stellen wurden an die Bevölkerung Lebensmittelmarken ausgegeben, mit denen die Rationen zugeteilt wurden, die jedoch nicht immer quantitativ und qualitativ in dem äquivalenten Ausmaß verfügbar waren. So war das Anstellen um das tägliche Brot ein allgegenwärtiges Bild in der Stadt. Der Gesundheitszustand der Wiener Kinder war derart besorgniserregend, dass sich die alliierten Mächte zu einer Rettungsaktion entschlossen. Für alle Wiener Schulkinder gab es ab September 1945 Schülerausspeisungen. Darüber hinaus gab es von der Caritas in den Pfarren für Schul- und Kindergartenkinder Ausspeisungen, Werkküchenausspeisungen und zusätzliche Auslandshilfe für Wiener Spitäler und Wohlfahrtseinrichtungen. Ein großes Problem war in den Wintern 1946 und 1947 die Versorgung mit Brennmaterial. Im Winter 1945 konnte sich die Bevölkerung noch notdürftig mit Brennmaterial aus den Bombenruinen versorgen. Später wurde jede freie Minute genutzt, um im Wienerwald Holz für die bevorstehenden Winter zu sammeln. Männer und Frauen mit Holzbündeln am Rücken gehörten zum Alltagsbild in Wien.Ein zusätzliches Problem war in den unmittelbaren Nachkriegstagen die Versorgung von etwa 3 Millionen Menschen, die sich zusätzlich in Österreich befanden und auch versorgt werden mussten. Es waren dies deutsche Soldaten, alliierte Soldaten, befreite Kriegsgefangene und KZ-Insassen, frisch gemachte Kriegsgefangene, Fremdarbeiter, Zwangsverschleppte, Flüchtlinge und Vertriebene, insbesondere die Sudetendeutschen.

Ein trauriges Kapitel sind die Auswirkungen der schlechten Ernährungslage in der Nachkriegszeit auf den Gesundheitszustand und die moralische Haltung der Wiener Bevölkerung. Der Zusammenbruch der Lebensmittelversorgung nach Kriegsende und die Mangelernährung in den folgenden Jahren führten bei einem Großteil der Wiener Bevölkerung zu bedenklichen gesundheitlichen Schädigungen und zu schweren Einbußen der verfügbaren Arbeitskräfte. Besonders betroffen waren Säuglinge, Kleinkinder und alte Menschen.

Durch mangelnde Widerstandskraft traten vermehrt Infektionskrankheiten auf und den Ärzten fehlte es an wirksamen Medikamenten. Penicillin, das die westliche Welt bereits kannte, war zu dieser Zeit Mangelware und es wurden nur die Militärspitäler mit Penicillin versorgt. Besonders stark traten Darmkrankheiten und Tuberkulose auf. Eine Impfung gegen Tuberkulose wurde erst im Frühjahr 1949 möglich.

Zu dieser Zeit waren bei den Gesundheitsämtern über 42000 Fälle an Tuberkulose registriert. Die meisten Todesfälle auf Grund von Tuberkulose gab es im Jahr 1945 mit 8295 Fällen zu verzeichnen. Vor allem Kleinstkinder und Kinder im schulpflichtigen Alter in den Städten waren von Tuberkulose und Unterernährung stark betroffen. 1946 galten in Wien 32 % als hochgradig und weitere 38 % als mäßig unterernährt. Bis 1948 ging hochgradige Unterernährung auf 27 % zurück, hingegen veränderte sich der Prozentsatz der mäßig unterernährten kaum. Die Unterernährung war dabei bei Knaben wesentlich ausgeprägter als bei Mädchen.Bei den Säuglingen kam es zu Mangelernährung, da in den meisten Fällen auch die Qualität der Muttermilch mangels Fettgehalt nicht ausreichte, um die Säuglinge einwandfrei zu ernähren. Die Säuglingssterblichkeit war dementsprechend hoch und lag zwischen 5 und 11 %. Ab November 1945 hat das Schweizer Rote Kreuz und der schweizerische Pfadfinderbund an die 30.000 österreichische Kinder im Alter zwischen 5 und 12 Jahren zu dreimonatigen Aufenthalten bei Schweizer Familien und in Erholungslager eingeladen. In der weiteren Folge haben auch andere Länder Erholungsaufenthalte angeboten. Es waren verschiedenste Organisationen, die sich an der Durchführung dieser Verschickungen beteiligt haben und die durch Kontakte in die jeweiligen Länder diese Erholungsaufenthalte organisierten. Dem nachstehenden Tätigkeitsbericht der Caritas Österreich ist zu entnehmen, dass durch diese Organisation zwischen 1947 und 1958 über 36.000 Kinder an derartigen Erholungsaufenthalten teilnehmen konnten.

Viele dieser damals geknüpften Kontakte bestehen noch bis heute und haben sich zu internationalen Freundschaften entwickelt. Wenn trotz der von vornherein zu niedrig gehaltenen Rationen die Arbeitsfähigkeit der Bevölkerung erhalten blieb, dann war dies vor allem darauf zurückzuführen, dass es noch Beschaffungsmöglichkeiten außerhalb der amtlichen Rationierung gab. Es waren dies Eigenversorgung in Schrebergärten und Grabeland, zusätzliche Versorgung durch Verwandte auf dem Land aber auch Handel am Schwarzmarkt, Hamstern und Plünderungen. Für die weniger kaufkräftige Bevölkerung gehörte das Hamstern im nahe gelegenen Umland von Wien zu den wichtigsten Möglichkeiten, die Familie vor dem Verhungern zu bewahren. Eine Hamsterfahrt war meistens ein kleineres oder größeres Abenteuer. Die Leute machten stundenlange Fußmärsche, wer ein Fahrrad besaß nützte dieses und andere wiederum waren darauf angewiesen, um billiges Geld auf umfunktionierten LKWs, die mit Holzbänken ausgestattet waren, Platz zu nehmen oder stundenlang auf einen Zug zu warten, der dann maßlos überfüllt war, sodass besonders Mutige auf dem Trittbrett, ja sogar auf dem Dach oder auf dem Tender reisen mussten.

Bei den Hamsterfahrten wurden entbehrliche Dinge mitgenommen und bei den Bauern vorwiegend gegen Kartoffel, ein wenig Butter oder Schmalz und Eier eingetauscht. Dass man bei kleinen Bauernhöfen eher etwas bekam als bei den Großbauern, das wussten die Leute. Allerdings wurden auch die Kartoffelfelder in den Randgebieten von Wien in sinnloser Weise buchstäblich geplündert, sodass die örtlichen Organe dem Ansturm nicht gewachsen waren. Durch diesen "Kartoffelhamsterverkehr" wurde natürlich auch die allgemeine Versorgungslage stark beeinträchtigt, weil diese Mengen der offiziellen Zuteilung fehlten.

Eine These ist, dass in Zeiten der Mangelwirtschaft alle inoffiziellen Versorgungswege die Güter dem offiziellen Markt entziehen und damit die Versorgungslage insbesondere jener Bevölkerungsgruppen, die nicht die Möglichkeit hatten, sich zusätzliche Waren am Schwarzmarkt zu beschaffen, verschlechterten. Daher waren diese Bevölkerungsgruppen, arme kinderreiche Familien, alte Leute und Kriegsheimkehrer auch am meisten von Unterernährung und Krankheiten betroffen. Für sie gab es daher zusätzlich Ausspeisungen, Care-Pakete, Wärmestuben und die Kinderlandverschickungen in die Schweiz, Belgien, Niederlande, Dänemark, Schweden, Luxemburg, Portugal und Spanien. Erst ab Anfang der 1950er verbesserte sich die Versorgungslage der Bevölkerung und konnte schrittweise von der staatlich gelenkten Wirtschaft auf den freien Markt übergegangen werden konnte.